Finde dein Wertegerüst

Heinz Patzelt, Generalsekretär von Amnesty International Österreich, war lange Jahre aktiver Pfadfinder – vom Wölfling bis zum volle Verantwortung tragenden Leiter in der Wiener Gruppe 16B „Schotten . Ein Gespräch über Kinder- und Menschenrechte,altersadäquate Demokratie und besonders geschützte Bereiche.


Interview: Philipp Pertl


In österreichs Politik und Gesellschaft haben Kinder und Jugendliche einen Platz – aber nicht automatisch Recht. Doch Kinder haben Rechte, das wissen sie auch selbst. Insbesondere Jugendleiter sind sich dieser Tatsache bewusst. Rechte zu haben heißt auch, dass es Pflichten gibt, die daraus resultieren. Der Gründer der Pfadfinderbewegung hat einmal gesagt „be active and clever and lend everybody a hand, who needs it“. Dieser Satz ist beispielgebend für das wachsame Auge und Ohr eines Kindes oder Jugendlichen bei den Pfadfindern, dass clever und smart zu sein allein nicht ausreicht – wenn man nicht auch für andere da ist. Jeder hat sein Recht in der Gesellschaft, wenngleich in manchen Ländern Menschen benachteiligt werden. Insbesondere darauf legt auch die Pfadfinderbewegung ein Augenmerk, setzt sich für die Rechte von Unterprivilegierten und Benachteiligten ein und sensibilisiert auch die eigenen Mitglieder immer wieder aufs Neue. Viele Spiele und Methoden bauen auf dieser überzeugung und unterstützen die Heranwachsenden, in einem freiheitsorientierten und doch von Grundwerten geprägten Leben, auf die Rechte anderer Menschen zu achten. Ein Blick zurück, warum waren Sie bei den Pfadfindern? Ich habe als Wölfling angefangen. Es war einfach nett dort dabei zu sein. Die Vorstellung in der Natur unterwegs zu sein hat mich fasziniert als kleiner Bub. Ich fand es einfach cool. Ganz toll war es auch, in einer Gemeinschaft von primär Gleichberechtigten einen Platz zu finden und als Kornett oder Hilfskornett, der ich damals war, eine ganz lokale Mikro-Gemeinschaft zu gestalten, Verantwortung zu übernehmen und dann darauf zu kommen, dass es eigentlich nicht nur um mich geht, sondern, dass man in einer Kleingruppe funktionieren soll. Die Herausforderung war damals, eine Nachtwanderung zu bewältigen oder gemeinsam Aufgaben zu lösen. Und, ob das jetzt Nachtwanderung heißt oder heute menschenrechtspolitische Agenda, das ist austauschbar. Es geht um das Ungewohnte oder Unklare, das man in einem Team lösen soll, sei es als „einfaches“ Teammitglied oder in Leitungsfunktionen. Es gibt acht Schwerpunkte bei den Pfadfindern und wichtige Inhalte, was ist Ihnen dabei in Erinnerung geblieben? Ganz stark in Erinnerung geblieben ist mir das Motto „Der Stärkere schützt den Schwachen“, dann die Zielsetzung eines „Lebens mit der Natur und nicht gegen die Natur“. Das war etwas, was ich ganz stark erlebt habe. Ein Gesetzespunkt lautet „Der Pfadfinder achtet alle Menschen und sucht sie zu verstehen“. War das schon als Jugendlicher für Sie ein wichtiger Begriff? Da ich aus einem Elternhaus stamme, in dem der Respekt voreinander ein Thema war und der Bettler auf der Straße genauso als Mensch akzeptiert wurde wie der Generaldirektor im Mercedes, habe ich möglicherweise schon vor meiner Pfadfinderzeit dieses Verständnis mitbekommen. Das hat gut für mich ins Pfadfindersein hinein gepasst. Woran ich mich noch sehr gut erinnern kann, war das Grundsatzbekenntnis „habe ein Bekenntnis – habe ein religiöses Bekenntnis“. Oder um es ins Heutige zu übersetzen: „Finde dein Wertegerüst, aber viele Unterschiedliche sind zum Schluss gleichwertig“. Sie beschäftigen sich tagtäglich mit Menschenrechten. Beobachten Sie, dass Kindern bei den Pfadfindern mehr Rechte eingeräumt werden als anderswo? So wie alle Menschen immer schon Rechte hatten und sie erst einmal definiert werden mussten, so hat es auch schon immer Kinderrechte gegeben, aber man musste sie erst niederschreiben. So wie ich Pfadfinder erlebt habe, habe ich mich dort immer respektiert, manchmal streng, aber jedenfalls angeleitet gefühlt. Ich habe das nicht in Form von militärischem Gehorsam erlebt, wie es manchmal von Kritikern über diese Jugendbewegung als Unsinn verbreitet wird. Ja, ich habe mich in einer Position gefühlt, wo ich die mir zustehenden Rechte hatte und ich habe irgendwann schon verstanden, dass mir jemand, der dafür verantwortlich ist, dass ich mich nicht verletze, einfach „Stopp“ sagen kann. Das sind Werte, die ich erlebt habe und immer noch für richtig halte. Heute würde ich das so formulieren: „Die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen anfängt!“ Worauf sollen die Jugendleiter bei den Pfadfindern oder auch anderer Organisationen insbesondere achten? Ganz wesentlich erscheint mir, Kinder nicht zu kleinen Erwachsenen zu machen und Kinderrechte als ein nicht eingeschränktes oder reduziertes Menschenrecht selbst zu begreifen, sondern als ein ganz stark fokussiertes Recht für Menschen mit besonderen Bedürfnissen – und diese auch vollkommen adäquat zu erfüllen. Dazu gehört Partizipation, aber vielleicht noch nicht volle Verantwortung für alles. Also, die Bereitschaft von den leitenden Erwachsenen soviel als möglich zuzulassen, dabei aber nicht Verantwortung abzuschieben. Sobald ein Leiter sagt Selber schuld, dass du dir mit der Kreissäge in die Hand geschnitten hast, ich habe dir auch keine Befehle geben dürfen ist die Pfadfinderei tot. Es ist also richtig, wünschenswert und notwendig, Grenzen in der Verantwortung zu ziehen, die Kinder und Jugendlichen ausprobieren zu lassen, aber dabei Partizipation und altersadäquate Demokratie zuzulassen. Kinderrechte im Menschenrechtsszenario verstehen sich ganz stark darauf fokussiert, was Kinder brauchen, um zu verantwortungsbewussten Erwachsenen zu werden. Wo sind die besonders geschützten Bereiche und wo darf ich noch keine Verantwortung erwarten und sie daher auch nicht einfordern. Es ist ein ganz anspruchsvolles Konzept und ich gehe davon aus, bin überzeugt davon, dass das Konzept der Pfadfinderei sehr gut dazu passt.