Knick in der Optik

Wie selten sonst gehen beim Thema Pfadfinder die Meinungen auseinander. Selbstbild und Fremdwahrnehmung der Bewegung stimmen auffällig oft nicht überein.
Das hat – vor allem in Österreich – viel mit unterschätzter Symbolkraft zu tun.

Ein Essay von Tarek Leitner


Warum wird einer 30jährigen engagierten Mitarbeiterin der Österreichischen Pfadfinder (zugegeben, die Zeit als Leiterin von 13–jährigen Kindern hat sie schon länger hinter sich und werkt im Bundesverband als "höhere Funktionärin") – warum wird dieser im Vorgespräch zu einem längeren Studiointerview mit dem Radiosender Ö3 vom Moderator launig die Frage gestellt: "Kann ich dich als Frau Generalin anreden?"
Es ist nicht auf die Art des Humors dieses Moderators zurückzuführen, dass er auf solche Gedanken kommt.

Mit den Pfadfindern ist in einigen maßgeblichen Redaktionen dieses Landes schnell die Assoziation "paramilitärisch" und "autoritär" verbunden – und wenn der nächste Gedanke dann nicht zur "Hitlerjugend" abgleitet, sondern nur zu Donald Ducks niedlichen Neffen "Tick, Trick und Track", dann ist es schon ein kleines Glück.
Ohne besonders langes Nachdenken habe ich damit auch schon die wohl gängigsten Klischees und tatsächlich völlig falschen Eigenschaften dieser Jugendbewegung niedergeschrieben. Eines fehlt natürlich noch: die gute Tat an der alten Frau, die ? Sie wissen schon, wohin die will.
Der Pfadfinder falsche "Freunde" Pfadfinderinnen und Pfadfinder selbst allerdings gehen davon aus, nicht öfter alte Frauen über die Straße zu begleiten, als es der Rest der Bevölkerung tut. Und sie können wohl auch nicht verstehen, warum man sich über die Jugendaktivitäten des gegenwärtigen FPÖ–Chefs aufregen kann, wenn es tatsächlich nur "Pfadfinderspiele" waren (die sie natürlich nicht waren). Und überhaupt: Warum war der in die Schlagzeilen geratene EADS–Lobbyist Erhard Steininger "Pfadfinder" (wie er sich gegenüber den Medien verharmlosend verteidigen wollte), nur weil er einen Weg gesucht haben will, die Eurofighter irgendwie zur schwarz–blauen Regierung zu bringen? Zwei Menschen also, die nie Pfadfinder waren, und sich gerade dann so bezeichnen, wenn es gilt, zumindest grenzwertige Machenschaften zu verniedlichen. Warum kann ich diesen Artikel eigentlich nicht dafür verwenden, die Pfadfinder aus ihrem links–linken Eck zu holen? Immerhin ist ihr Gründer vor genau hundert Jahren im viktorianisch geprägten England mit 22 Kindern aus unterschiedlichen (!) gesellschaftlichen Schichten auf Zeltlager gefahren; verfocht in einer Zeit autoritären Erziehungsstils eine Pädagogik, die die Interessen der Kinder in den Mittelpunkt stellte ("Look at the Boys") – wie zur gleichen Zeit übrigens eine gewisse Maria Montessori. Und sind die Uniformen zum Zwecke des Verwischens sozialer Unterschiede zwischen den Jugendlichen nicht dann der Gipfel der Gleichmacherei, die von einer pazifistischen und internationalistischen Ideologie begleitet sind? Es hilft wohl nichts: Ein Gleichgewicht der Klischees links und rechts der politischen Mitte lässt sich nicht in der Weise herstellen, dass am Ende eine neutrale Betrachtung herauskommt. Und im Übrigen: Wer will sich schon jahrein, jahraus – umgekehrt – gegen die (leider nie vorkommenden) zuletzt genannten Charakterisierungen verteidigen ... Das wird so bald auch nicht nötig sein. Denn zulange haben die Pfadfinder hierzulande ihr Bild durch eine Symbolik geprägt, die in unserem Land und mit unserer Geschichte eben ganz anders von der Öffentlichkeit aufgenommen wird als etwa in den USA. Zwei Beispiele dieser Symbolik, die wohl sehr nachhaltig das Bild über Jahrzehnte geprägt haben: die braune Uniform und die Nomenklatur mit dem Begriff "Führer". Beides ist abgeschafft – und es ist müßig darüber zu schreiben, warum hierzulande kein Führer mehr in brauner Uniform auftreten kann. Und es ist auch nicht nötig, weil die Frage eben schon geklärt ist. Aber sie zeigt, warum Selbstbild und Image in der Öffentlichkeit soweit auseinander driften können – und deshalb war es wohl auch ein so langwieriger Prozess bis sich die Österreichischen Pfadfinder und Pfadfinderinnen zu dieser kleinen Reform haben durchringen können. Auch ich war mit dem Begriff "Führer" als kleiner Pfadfinder bereits jahrelang vertraut, bevor ich in der Schule im Geschichtsunterricht zu jener Zeit kam, in der dieser Begriff ebenfalls eine zentrale Rolle spielte. Mit autoritärer Hierarchie, absolutem Gehorsam und antidemokratischer Gesinnung habe ich "Führer" allerdings bis dahin nie verbunden. Denn keine meiner Bezugspersonen und keiner meiner späteren Kollegen hatte jene Merkmale, die dem NS–Führerprinzip zugeordnet werden. Und weil es eben so selbstverständlich war, dass trotz dieser Bezeichnung des "pädagogischen Personals" als "Führer" in dieser Jugendorganisation die Partizipation von klein auf, das Lernen von demokratischen Entscheidungsprozessen indem man ständig daran teil nimmt und die schrittweise größere Übertragung von Verantwortung stattfindet – weil das alles eine so große, aber eben nur vermeintliche Selbstverständlichkeit war, hätte ich mir auch nie träumen lassen, dass das jemand anders sehen kann als ich es tat. Diese Argumentation ließe sich noch für viele andere Bereiche führen: Wer hat sich schon als Teil einer verstaubten Ideologie empfunden (etwa in jener Linzer Pfadfindergruppe, die ich etwas genauer kenne), als sich dort in den 70er Jahren Führerinnen und Führer pionierhaft für den Umweltschutz engagiert und tatsächlich dafür gekämpft haben? Wer hat in den 80er Jahren, als die Integration behinderter Kinder und Jugendlicher erst erkämpft und dann vorangetrieben worden ist, nur eine Sekunde daran gedacht, in der Nähe elitären Gedankenguts zu stehen? Und wer hat in den 90er Jahren, als viele Pfadfindergruppen sich etwa an Sozialprojekten in Osteuropa beteiligt haben, daran gedacht, sich gegen das Image des Fähnchen Fieselschweif verteidigen zu müssen? Man kann wohl auch kaum daran denken, wenn man so intensiv bei der Sache ist, wie ich es oft kennen gelernt habe – und wenn man es gerade nicht in erster Linie für die öffentliche Wirkung macht, von der man auch sagt: was nicht in den Medien seinen Niederschlag findet, hat nicht stattgefunden. Selten ist wohl bei den Pfadfindern zu erleben, dass bei Projekten – obwohl sie durchaus öffentlichkeitswirksam wären – die Akteure ständig mit einem Auge auf die Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit schielen. Bestes Beispiel dafür sind Aktionen, bei denen es um konkrete Hilfe für Menschen geht. Champagnerpartys, bei denen ein paar Euro für einen zumeist nicht näher genannten "guten Zweck" abfallen, finden auf den vielen bunten Seiten österreichischer Gesellschaftsberichterstattung natürlich mehr Niederschlag als ein gemeinsames Zeltlager nichtbehinderter und behinderter Menschen, die zwar nicht mit einem Euro mehr nach Hause fahren, aber mit dem unsichtbaren Band neuer Beziehungen, die sie sonst nie hätten knüpfen können. Keine Zeit für Selbstzweifel Das intensive Erleben der Zeit, die man in dieser Jugendorganisation – etwa auf einem derartigen Zeltlager – verbringt, lässt keinen Platz, in Zweifel zu ziehen, dass die Symbolik, die innerhalb der Pfadfinder ganz speziell aufgeladen ist, von außen anders betrachtet werden könnte. Unsere mit Informationen überfrachtete Welt lebt aber von Symbolik – und daher macht sie in der äußeren Wahrnehmung einen weitaus größeren Teil aus als all die vielen in diesem Heft vorgestellten ehrenwerten Inhalte. Das mag auch der Kern des Dilemmas sein, warum Selbstbild und Fremdbild bei den Pfadfindern so weit auseinanderklaffen. Die mittlerweile ebenfalls hundert Jahre alte Symbolik mit Uniform, Lagerfeuer und Taschenmesser, um einige zu nennen, ist in dieser Zeitspanne von vielen gebraucht, und von nochmals so vielen missbraucht worden. Sie ist also in diesen Jahren anders aufgeladen worden, als es den Inhalten der Pfadfinderei entspricht. Und so ist die mittlerweile gar nicht so schlechte Öffentlichkeitsarbeit (wie sie der Pressespiegel im Jubiläumsjahr zeigt) zwar wichtig, um den eingangs angeführten Klischees gegenzusteuern, aber sie wird ihr Ende wohl immer dort finden, wo die Symbolik – auf Bildern oder in den Köpfen der Menschen – die vermittelten Inhalte überlagert. Wie lässt sich also die Kluft zwischen Selbst– und Fremdbild verkleinern? Dadurch, die Symbole neu aufzuladen. Wie lässt sich das machen? Durch jahrelange Arbeit, aktuelle und fortschrittliche Inhalte ganz eng mit den bestehenden Symbolen zu verknüpfen – und das wird wohl auch ein gutes Stück ideologischer Arbeit sein.

_ Tarek Leitner (35) ist Journalist und Moderator der Zeit im Bild im ORF. Bis zum Ende seines Studiums der Rechtswissenschaften war er in Linz bei den Österreichischen Pfadfindern und Pfadfinderinnen als Jugendleiter und in der Erwachsenenausbildung aktiv. tarek.leitner@orf.at